Wie Wearables unseren Körper vermessen und was ihre Daten wirklich bedeuten

Gesundheit im Datenstrom

Smartwatches und Fitnessringe versprechen einen direkten Blick in den eigenen Körper: Sie zählen Schritte, bewerten den Schlaf und melden, ob wir angeblich bereit für das nächste Training sind. Das kann motivieren und gesundheitliche Veränderungen sichtbar machen. Doch die Zahlen sind keine unumstösslichen Wahrheiten und manchmal erzeugen sie mehr Druck als Klarheit.

Das Wichtigste in Kürze

  • Wearables messen nur wenige Signale direkt (z. B. Licht- und Bewegungssensoren) – die meisten Werte wie Schlafscore oder Stresslevel werden von Algorithmen berechnet und geschätzt.
  • Alltagssituationen wie ein lockeres Armband, Kinderwagen schieben oder Krafttraining können die Messgenauigkeit deutlich beeinträchtigen.
  • Wearables können langfristige Trends sichtbar machen und motivieren, ersetzen aber keine medizinische Diagnostik.
  • Wer Werte ständig kontrolliert, riskiert «Tracking Anxiety» oder «Orthosomnia» – die Fixierung auf perfekte Zahlen kann das Gegenteil des gewünschten Effekts bewirken.

Es ist kurz nach dem Aufwachen. Noch bevor der Kaffee durchläuft oder der Blick aus dem Fenster schweift, wandert die Aufmerksamkeit vieler Menschen ans Handgelenk. Die Smartwatch hat bereits Bilanz gezogen: 7 Stunden und 42 Minuten Schlaf. Erholungswert 81 von 100 Punkten. Ruhepuls 56. Stresslevel niedrig. Trainingsbereitschaft: gut. Was vor wenigen Jahren noch wie Zukunftsmusik klang, ist für viele längst Alltag. Smartwatches, Fitnessringe und andere Wearables begleiten uns beim Arbeiten, Trainieren und Schlafen. Sie zählen nicht mehr nur Schritte oder Kalorien, sondern beobachten die Herzfrequenz, schätzen den Stresslevel, analysieren die nächtliche Erholung und geben Empfehlungen, wann Bewegung guttun könnte oder eine Pause sinnvoll wäre. Aus dem digitalen Schrittzähler ist ein persönlicher Gesundheitsbegleiter geworden. Die Idee dahinter ist ebenso faszinierend wie naheliegend: Wer den eigenen Körper besser versteht, kann möglicherweise bewusstere Entscheidungen treffen und Veränderungen früher bemerken. Je mehr Daten wir über unseren Körper sammeln, desto drängender werden allerdings auch die Fragen: Wie zuverlässig sind diese Werte? Was erkennen die Geräte tatsächlich? Und was passiert, wenn die Zahl auf dem Bildschirm plötzlich wichtiger wird als das eigene Gefühl? 

Vom Schrittzähler zum Gesundheitsbegleiter

Wenn von Gesundheitstracking die Rede ist, denken viele zuerst an Schritte. Tatsächlich gehören Bewegungsdaten bis heute zu den wichtigsten Funktionen moderner Wearables. Aus der allgemeinen Empfehlung «Bewegen Sie sich mehr» wird so ein konkretes, sichtbares Ziel. Die kleinen Geräte erfassen inzwischen deutlich mehr als Bewegung:

  • Herzfrequenz und Sauerstoffsättigung: viele Modelle messen sie kontinuierlich über optische Sensoren.
  • Herzfrequenzvariabilität (HRV): die feinen zeitlichen Unterschiede zwischen zwei Herzschlägen geben Hinweise darauf, wie flexibel der Körper auf Belastung reagiert und wie gut er sich erholt.
  • Schlaf: aus Bewegung, Herzfrequenz und Atemmuster berechnen Wearables Schlafphasen, Erholungswerte und einen Schlafscore.
  • Hauttemperatur: unterstützt z. B. das Zyklusmonitoring.
  • Stress: wird meist aus Herzfrequenz und HRV abgeleitet.
  • Einkanal-EKG: bei einigen Smartwatches verfügbar und kann Hinweise auf Herzrhythmusstörungen wie Vorhofflimmern liefern.

Technik-Exkurs: Wie «liest» eine Uhr unseren Körper?

Wearables messen nur wenige Signale wirklich direkt. Die meisten Gesundheitswerte entstehen erst durch das Zusammenspiel von Sensoren und Algorithmen.

Kleine grüne LEDs senden Licht in die Haut (Photoplethysmographie, PPG); ein Sensor misst, wie sich die zurückgeworfene Lichtmenge mit jedem Herzschlag verändert – daraus lässt sich die Herzfrequenz ableiten. Beschleunigungssensoren registrieren Bewegungen des Handgelenks und bilden so die Grundlage für Schrittzahlen: Genau genommen zählt eine Smartwatch also keine Schritte, sondern erkennt typische Bewegungsmuster und interpretiert sie als solche. Die Sensoren liefern zunächst nur Rohdaten. Erst Algorithmen,  zunehmend mit Machine Learning, berechnen daraus Kennzahlen wie Kalorienverbrauch, Schlafphasen oder Trainingsbereitschaft und passen Empfehlungen an die einzelne Person an. Diese Einschätzungen sind dabei selten perfekt.

Warum ein Score keine Diagnose ist

Wearables messen nicht unter kontrollierten Laborbedingungen, sondern beim Arbeiten, Kochen, Sporttreiben oder Schlafen. Genau das macht sie wertvoll und gleichzeitig anfällig für Ungenauigkeiten. Schon ein locker sitzendes oder verrutschtes Armband kann die Signalqualität verschlechtern. Auch individuelle Merkmale wie Hautton, Alter, Körperbau oder die Durchblutung der Haut spielen eine Rolle, ebenso Schweiss, Temperatur und verfälschende Bewegungsmuster.

Schritte und Bewegung: Wer einen Kinderwagen schiebt oder schwere Einkaufstaschen trägt, bewegt das Handgelenk kaum – die Uhr kann Schritte übersehen. Umgekehrt können kräftige Armbewegungen als Schritte gezählt werden, obwohl die Person gar nicht geht. Beim Krafttraining oder Radfahren können Muskelanspannung und Handbewegungen über Kopf das optische Signal beeinträchtigen; solche Lücken werden dann von den Algorithmen geschätzt.

Schlaf: In einem Schlaflabor werden unter anderem Hirnströme, Augenbewegungen, Muskelaktivität und Herzsignale gemessen. Ein Wearable hat deutlich weniger Informationen und stützt sich hauptsächlich auf Bewegung, Herzfrequenz und Atemmuster. Es misst Schlaf also nicht direkt, sondern sucht nach Mustern, die darauf hindeuten – das kann zu Fehlinterpretationen führen: Wer ruhig, aber noch wach im Bett liegt, wird mitunter bereits als schlafend erfasst.
Für die Beobachtung längerfristiger Entwicklungen können solche Daten hilfreich sein. Eine medizinische Schlafdiagnostik ersetzen sie jedoch nicht.

Stress: Herzfrequenz und HRV zeigen, wie der Körper auf Belastung reagiert. Nicht aber, wodurch sie ausgelöst wird. Der Körper reagiert auf positive wie negative Emotionen oft mit ähnlichen Signalen: Ein erhöhter Puls kann ebenso gut auf Anspannung wie auf Freude oder Aufregung zurückgehen. Der angezeigte Stresslevel stimmt deshalb nicht immer mit dem persönlichen Stressempfinden überein. Entsprechend zeigte eine Studie aus der Niederlande mit 781 Studierenden, dass die von einer Smartwatch abgeleiteten Stresswerte bei den meisten Personen kaum mit dem subjektiv empfundenen Stress übereinstimmten.

Wo Gesundheitstracking wirklich helfen kann

Trotz aller Grenzen bieten Wearables grosse Chancen. Für viele Menschen sind sie zunächst ein wirksamer Anstoss, sich im Alltag mehr zu bewegen. Kleine Ziele und sichtbare Fortschritte können Gewohnheiten verändern, ohne dass dafür ein aufwendiges Trainingsprogramm nötig ist.
Noch interessanter ist der Blick über längere Zeiträume. Eine ärztliche Untersuchung ist häufig eine Momentaufnahme, während Wearables Daten über Tage, Wochen oder Monate erfassen. Dadurch können Veränderungen auffallen, die bei einer einzelnen Messung verborgen bleiben: Sinkt der Ruhepuls über längere Zeit? Verändert sich die Erholung nach besonders belastenden Wochen? Treten ungewöhnliche Herzrhythmen wiederholt auf?
Je nach Erkrankung und eingesetzter Funktion können auch Menschen mit chronischen Krankheiten profitieren: Regelmässige Messungen können helfen, Veränderungen wahrzunehmen und gezielter mit behandelnden Fachpersonen zu besprechen. In der Forschung werden Wearables bereits eingesetzt, um Herzrhythmusstörungen früher zu erkennen, digitale Hinweise auf neurologische Erkrankungen zu untersuchen oder Krankheitsverläufe ausserhalb von Spitälern zu beobachten.
Ihr vielleicht grösster Nutzen liegt jedoch in etwas Alltäglichem: Sie machen Verhalten und Veränderungen sichtbar, fördern das Gefühl der Selbstbefähigung (Empowerment) und erleichtern die eigenständige Verwaltung der persönlichen Gesundheit.

Wenn Selbstbeobachtung zur Belastung wird

Wo Gesundheitsdaten entstehen, entstehen auch neue Risiken. Angaben zu Schlaf, Herzschlag, Zyklus oder möglichen gesundheitlichen Auffälligkeiten gehören zu den sensibelsten persönlichen Informationen. Entsprechend wichtig ist die Frage, wer Zugriff darauf hat, wo die Daten gespeichert werden und wofür sie verwendet werden können. Ein Blick in die Datenschutzeinstellungen der jeweiligen App lohnt sich.
Die Herausforderung reicht jedoch über den Datenschutz hinaus. Mit der wachsenden Zahl an Messwerten verändert sich auch unser Verständnis von Gesundheit: Aus «Ich fühle mich fit» wird schnell «Meine Uhr sagt, ich bin erholt». Aus «Ich habe schlecht geschlafen» wird «Mein Schlafscore war nur 62». Die Werte können das eigene Körpergefühl sinnvoll ergänzen, sie können es aber auch überlagern.
Algorithmen erkennen Muster, kennen jedoch weder den Streit am Vorabend noch die Sorge um einen Angehörigen oder die Vorfreude auf einen besonderen Tag. Sie können persönliche Lebensumstände und Gefühle nie vollständig erfassen. Zudem sind sie nur so gut wie die Daten, mit denen sie entwickelt wurden: Sind bestimmte Bevölkerungsgruppen darin zu wenig vertreten, können Messungen oder Empfehlungen für einzelne Personen weniger zuverlässig sein.
Zunehmend untersucht die Forschung auch die psychologischen Folgen des Trackings. Mit «Tracking Anxiety» ist die Verunsicherung gemeint, die entstehen kann, wenn Menschen ihre Werte ständig kontrollieren und einzelnen Ausschlägen zu viel Bedeutung geben. Ein schlechter Schlafscore kann Zweifel an der eigenen Leistungsfähigkeit auslösen, selbst dann, wenn man sich ausgeruht fühlt. Ein besonders anschauliches Beispiel ist die sogenannte «Orthosomnia»: die übermässige Fixierung auf perfekten Schlaf. Wer jede Nacht analysiert und unbedingt einen optimalen Score erreichen will, setzt sich unter Druck. Die Beschäftigung mit dem Schlaf kann dadurch genau das verstärken, was sie verhindern soll: Anspannung und Schlafprobleme.

Vier Fragen für einen gesunden Umgang mit Trackingdaten

  • Betrachte ich einen längerfristigen Trend – oder nur einen einzelnen Ausreisser?
  • Passt die Zahl zu meinem eigenen Körpergefühl und zu meiner aktuellen Lebenssituation?
  • Ist ein auffälliger Wert wiederholt aufgetreten und sollte er medizinisch abgeklärt werden?
  • Weiss ich, wo meine Daten gespeichert werden und welche Einstellungen ich beeinflussen kann?

Wichtig: Bei Beschwerden oder wiederholt auffälligen Messwerten ersetzt die Smartwatch keine medizinische Abklärung.

Der nächste Schritt: Was Wearables künftig können

Die Entwicklung ist längst nicht abgeschlossen. Die nächste Generation von Wearables bewegt sich in zwei Richtungen: Neue, präzisere Sensoren sollen zusätzliche körperliche Signale erfassen, gleichzeitig soll das Potenzial künstlicher Intelligenz im Gesundheitsbereich weitergedacht werden – mit dem Ziel, Daten umfassender zu verknüpfen, Hinweise stärker zu personalisieren und mögliche Risiken früher zu erkennen.
Wie die Grenzen zwischen Lifestyle-Produkt und medizinischer Anwendung verwischen, zeigt beispielsweise Apple: Die Apple Watch kann bereits auf Anzeichen einer möglichen Schlafapnoe hinweisen, AirPods Pro ermöglichen einen Hörtest und können je nach Modell, Land und Zulassung bei leichter bis mittlerer Hörminderung als Hörhilfe dienen. Andere Hersteller verfolgen ähnliche Ansätze. Ein weiteres Ziel ist die nicht-invasive Glukosemessung. Also die Bestimmung des Blutzuckers ohne Nadelstich. Erste kleinere Forschungsarbeiten deuten darauf hin, dass sich aus Smartwatch-Daten indirekte Hinweise auf eine Unterzuckerung ableiten lassen; eine 2023 veröffentlichte Studie kombinierte dafür Herzfrequenz- und Bewegungsdaten mit Machine Learning. Eine solche Funktion müsste allerdings so zuverlässig sein, dass darauf medizinische Entscheidungen abgestützt werden können. Bislang ist weder in den USA (FDA) noch in der Schweiz oder der EU ein Wearable für die eigenständige Messung oder Schätzung des Blutzuckers ohne Durchstechen der Haut zugelassen.
Wie wichtig unabhängige Forschung dabei ist, zeigt das EMBRACE-Programm des King's College London mit Garmin: Wearable-Daten von bis zu 40'000 Erwachsenen sollen mit medizinischen Untersuchungen, Smartphone-Daten und Selbstauskünften verknüpft werden, um zu untersuchen, ob sich gesundheitliche Risiken während und nach der Schwangerschaft früher erkennen lassen. Welchen konkreten Nutzen das bringt, muss das noch junge Projekt allerdings erst zeigen.

Daten als Ergänzung, nicht als Urteil

Wearables können unseren Blick auf die eigene Gesundheit schärfen: Sie fördern Bewegung, machen Veränderungen sichtbar und liefern in manchen Situationen wichtige Warnzeichen. Gleichzeitig sind ihre Angaben nie vollständig. Der grösste Nutzen entsteht deshalb dann, wenn digitale Daten das eigene Körpergefühl ergänzen und nicht ersetzen.
Denn Gesundheit ist mehr als eine Zahl auf dem Bildschirm. Die entscheidende Innovation liegt nicht allein darin, was Wearables künftig messen können, sondern darin, wie verantwortungsvoll wir mit ihren Daten umgehen.

Lese hier mehr zum Thema Selbst-Monitoring und die Möglichkeit das eigene Verhalten zu beeinflussen. 

 

Referenzen
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