Doomscrolling: Warum wir nicht aufhören können schlechte Nachrichten zu lesen

Doomscrolling

Es beginnt oft in einem Moment, der harmlos wirkt: im Zug, in der Kaffeepause oder spät abends im Bett. Du willst nur kurz nachsehen, was in der Welt passiert. Ein paar Minuten, denkst du. Doch plötzlich bist du tief in einem Strom aus Krisenmeldungen, Katastrophenbildern und düsteren Prognosen. Dein Herz schlägt schneller, dein Körper spannt sich an und trotzdem scrollst du weiter.

Wenn dir das vertraut vorkommt, bist du nicht allein. Dieses Verhalten hat einen Namen: Doomscrolling. Und die Forschung zeigt zunehmend, warum es uns so schwerfällt, damit aufzuhören und welche Folgen es haben kann.

Warum uns negative Nachrichten so stark fesseln

Sharpe et al. (2026) beschreiben in ihrer Übersichtsarbeit Doomscrolling nicht als mangelnde Disziplin, sondern als Verhalten, das sich aus mehreren psychologischen Mechanismen speist und durch digitale Plattformen verstärkt wird.

  1. Unser Gehirn reagiert stärker auf Gefahr
    Negative Informationen ziehen unsere Aufmerksamkeit stärker an als positive. Dieser sogenannte Negativity Bias ist evolutionär sinnvoll: Wer Bedrohungen früh erkennt, erhöht seine Überlebenschancen. Heute führt er dazu, dass schlechte Nachrichten unser Alarmsystem aktivieren und uns schwerer loslassen.
     
  2. Digitale Plattformen verstärken die Dynamik
    Plattformmechanismen wie:
    - endloses Scrollen,
    - personalisierte Feeds,
    - Push-Nachrichten
    können dazu beitragen, dass wir länger und intensiver konsumieren, als wir eigentlich möchten. Inhalte, die starke Emotionen auslösen – darunter häufig negative – werden oft häufiger geklickt und geteilt. Das kann dazu führen, dass solche Inhalte in Feeds präsenter erscheinen.

Vielleicht kennst du dieses Gefühl: Du willst aufhören, aber dein Daumen scrollt weiter. Genau hier greifen diese Mechanismen.

Wenn wir Sicherheit suchen und Unsicherheit finden

Ein zentraler Befund des Reviews: Menschen mit einer hohen Intoleranz gegenüber Unsicherheit neigen stärker zum Doomscrolling. Wenn die Welt chaotisch wirkt, versuchen wir durch mehr Informationen Kontrolle zurückzugewinnen. Doch je mehr wir lesen, desto mehr Bedrohung finden wir. Das Ergebnis ist paradoxerweise mehr Unruhe statt Beruhigung.

Was Doomscrolling mit unserer Psyche macht

Die von Sharpe et al. (2026) analysierten Studien zeigen deutliche Zusammenhänge zwischen intensivem Doomscrolling und psychischen Belastungen. Häufig berichtet werden:

  • erhöhte Angst,
  • depressive Symptome,
  • Stress,
  • emotionale Erschöpfung,
  • und reduzierte Resilienz.

Vielleicht hast du es selbst erlebt: Du legst das Handy weg und fühlst dich schlechter als davor. Unruhiger. Angespannter. Dieses Gefühl ist kein Zufall, es folgt einem Muster.
Doomscrolling entwickelt sich oft schleichend. Erst ist es eine Ausnahme, dann eine Gewohnheit. Irgendwann merkst du kaum noch, wie automatisch du in die Negativspirale hineingleitest.
Typische Situationen sind etwa:

  • Du willst «nur kurz» nachsehen und plötzlich sind 20 Minuten weg.
  • Du liest dieselbe schlechte Nachricht auf drei Plattformen, als würdest du hoffen, dass sie irgendwo weniger schlimm klingt.
  • Du scrollst weiter, weil du insgeheim auf eine positive Wendung hoffst und findest doch nur noch mehr vom Gleichen.

Diese Reaktionen sind zutiefst menschlich. Sie zeigen, wie sehr wir nach Orientierung suchen, besonders in unsicheren Zeiten.

Strategien, um die Spirale zu durchbrechen

Doomscrolling lässt sich – wie andere Gewohnheiten – nicht einfach abstellen. Aber du kannst lernen, dich zu schützen und bewusster mit Nachrichten umzugehen.

Nachrichtenzeigen festlegen
Statt ständig zu checken, helfen feste Zeitfenster, z. B. morgens, mittags und abends. Das schafft Struktur und entlastet dein Nervensystem.

Push-Nachrichten ausschalten
Weniger Benachrichtigungen bedeuten weniger ungewollte Einstiege in die Spirale.

Qualitätsquellen wählen
Seriöse Medien arbeiten sorgfältiger, reduzieren Sensationalismus und bieten mehr Kontext. Kritisches Hinterfragen bleibt dennoch wichtig – gerade angesichts täuschend echter Falschinformationen.

«Kindness-Scrolling» ausprobieren
Bewusst positive Inhalte zu konsumieren kann die Stimmung kurzfristig heben. Gleichzeitig lernt dein Algorithmus, dir mehr davon zu zeigen.

Digitale Pausen einbauen
Schon zehn Minuten Offline-Zeit können Stress reduzieren. Kleine Unterbrechungen wirken oft stärker, als man denkt.

Körperliche Signale ernst nehmen
Wenn du merkst, dass du angespannter wirst, flacher atmest oder innerlich unruhig wirst, ist das ein Stoppsignal. Eine kurze Pause kann hier viel bewirken.

Fazit

Doomscrolling ist kein Zeichen von Schwäche. Es ist ein Ausdruck menschlicher Bedürfnisse: nach Sicherheit, Orientierung und Kontrolle. Du kannst lernen, dich selbst zu schützen – indem du bewusster auswählst, was du konsumierst, dir Pausen erlaubst und auf die Signale deines Körpers achtest.

 

Referenzen
Sharpe, A. T. R., Tyndall, I., Poulus, D. R., Obine, E. A. C., & Sharpe, B. T. (2026). The influence of doomscrolling on mental health: A scoping review. Mental Health and Digital Technologies.
Ang, C.-S. (2025). Doomscrolling and secondary traumatic stress: Psychological distress and just world belief as potential mediating pathways. Psychiatric Quarterly.
Ahluwalia, P. S. (2025). Doomscrolling and mental fatigue: Cognitive overload in the era of crisis media. Zenodo.
Li, Y., & Qiu, B. (2023). Relationship between doom-scrolling and mental health under the influence of recommendation algorithms. ResearchGate.
Shabahang, R., et al. (2024). The creeping influence of doomscrolling. Computers in Human Behavior Reports.

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