«Nur noch 10 Minuten!» Aushandeln von Bildschirmzeiten in der Ära von TikTok und Fortnite

Bildschirmzeit

Die Digitalisierung hat unser Leben in vielerlei Hinsicht verändert. In keiner Altersgruppe zeigt sich dieser Wandel so deutlich wie bei Kindern. Smartphones, Tablets und Computer gehören mittlerweile in vielen Haushalten zur Grundausstattung. Doch wie viel «Screen Time» ist angemessen und wie wirkt sich zu viel Bildschirmzeit auf die Gesundheit und Entwicklung von Kindern und Jugendlichen aus?

Dieser Beitrag gibt einen Überblick über in die aktuelle Situation in der Schweiz. Wie viel Zeit verbringen Kinder und Jugendliche vor dem Bildschirm? Welche gesundheitlichen Folgen hat zu viel Bildschirmzeit? Schlafprobleme, Bewegungsmangel und psychische Belastungen sind nur einige der Probleme, die durch zu viel Zeit vor dem Bildschirm ausgelöst werden können. Neben Empfehlungen für eine altersgerechte Bildschirmzeit werden in diesem Beitrag auch Strategien für eine gesunde Balance zwischen analoger und digitaler Freizeitgestaltung vorgestellt.

Wie viel Zeit verbringen Schweizer Kinder und Jugendliche vor Bildschirmen?

In der Schweiz und in vielen anderen Ländern sind Kinder und Jugendliche heute mit einer noch nie dagewesenen Vielfalt an Bildschirmen konfrontiert. Ob Fernseher, Computer, Smartphone oder Tablet - die Verlockungen sind allgegenwärtig. Weisst du, wie viel Zeit deine Kinder vor diesen digitalen Geräten verbringen?

Gemäss einer Studie der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften verbringen Schweizer Kinder im Alter von 4 bis 6 Jahren durchschnittlich 56 Minuten pro Tag vor dem Bildschirm. Während der Primarschulzeit steigt diese Zahl auf durchschnittlich 80 Minuten an. Noch ausgeprägter ist die Bildschirmnutzung bei Jugendlichen. Allein das Internet wird unter der Woche durchschnittlich mehr als drei Stunden pro Tag genutzt. Zählt man Gamen, die Nutzung von sozialen Medien und Fernsehschauen hinzu, steigt die Zahl noch weiter an.

Kinder verbringen einen erheblichen Teil ihrer Freizeit vor Bildschirmen. Dies kann sich in vielfältiger Weise auf die Gesundheit unserer Kinder und Jugendlichen auswirken.

Machen Bildschirme mein Kind krank?

Übermässige Bildschirmnutzung kann erhebliche Auswirkungen auf die Gesundheit und Entwicklung von Kindern und Jugendlichen haben. Wir werfen einen genaueren Blick auf die gesundheitlichen Aspekte und die möglichen Konsequenzen.

  1. Körperliche Gesundheit
    Kinder und Jugendliche, die stundenlang vor dem Bildschirm sitzen, haben weniger Zeit für körperliche Aktivitäten im Freien. Bewegung ist aber wichtig für die Entwicklung der motorischen Fähigkeiten und für die Gesunderhaltung des Körpers. Die Inaktivität während der Bildschirmzeit kann im Extremfall zu Übergewicht und damit langfristig zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes führen. Die Nutzung digitaler Medien und Technologien geht häufig auch mit einer schlechten Körperhaltung und damit verbundenen Rücken- und Nackenschmerzen einher. Zudem strahlen Bildschirme blaues Licht aus, das die Melatoninproduktion unterdrückt und unseren Schlaf negativ beeinflusst.
     
  2. Soziale Medien und Körperbild
    Soziale Medien beeinflussen das Körperbild und die psychische Gesundheit. Plattformen wie Instagram, TikTok und Facebook sind allgegenwärtig und vermitteln oft ein unrealistisches Bild von Schönheit und Perfektion. Auf diesen Plattformen werden Aufnahmen von Menschen geteilt, die häufig durch Filter und Bearbeitungstechniken verändert wurden, um makellos und idealisiert auszusehen. Wer diese Bilder sieht, kann sich in einem unausweichlichen Vergleich wiederfinden und ein verzerrtes Selbstbild entwickeln. Gerade im Jugendalter, in dem die eigene Identitätsfindung stark von Vergleichen abhängt, kann dies einen grossen Druck ausüben. Dieser Druck erhöht die Wahrscheinlichkeit von Depressionen und anderen psychischen Problemen. Insbesondere Körperbildstörungen wie Anorexie, Bulimie und körperdysmorphe Störungen werden dadurch begünstigt. Um diesen Herausforderungen zu begegnen, ist es wichtig, junge Menschen zu ermutigen, ein kritisches Bewusstsein für den Einfluss sozialer Medien zu entwickeln und ihnen beizubringen, dass soziale Medien nicht die Realität widerspiegeln.
     
  3. Verhalten, Emotionskontrolle und Impulskontrolle
    Zu viel Bildschirmzeit kann sich auch auf das Verhalten von Kindern und Jugendlichen auswirken. Studien weisen darauf hin, dass Kinder, die viel Zeit vor dem Bildschirm verbringen, häufiger Verhaltensprobleme wie Impulsivität und Aufmerksamkeitsstörungen zeigen. Ausserdem hat sich gezeigt, dass zu viel Bildschirmzeit zu Änderungen in der Gehirnaktivität führen kann. Diese Veränderungen könnten zu einer schlechteren Aufmerksamkeitssteuerung und damit zu einer geringeren Konzentrationsfähigkeit führen. Zusätzlich kann die unkontrollierte Exposition gegenüber Inhalten, die Gewalt oder unangemessenes Verhalten zeigen, diese Probleme verstärken.
     
  4. Auswirkungen auf die Entwicklung von Kleinkindern
    Die Auswirkungen übermässiger Bildschirmzeit sind bei Kleinkindern besonders bedeutsam. Die frühkindliche Entwicklung kann durch den passiven Konsum digitaler Inhalte beeinträchtigt werden. Passive Bildschirmzeit, in der Kinder nur Inhalte konsumieren, bietet nur begrenzte Möglichkeiten zur Interaktion und Kommunikation. Dies kann sich negativ auf die Sprachentwicklung auswirken, da Kleinkinder während der Bildschirmzeit weniger selbst sprechen und weniger anderen beim Sprechen zuhören. Darüber hinaus kann die übermässige Nutzung digitaler Medien dazu führen, dass weniger Zeit für kreative Aktivitäten wie Lesen, Malen, Musizieren oder Spielen mit Gleichaltrigen bleibt. Kreative Aktivitäten sind jedoch wichtig, da sie die kognitive und künstlerische Entwicklung fördern, die Fantasie anregen und die Problemlösungsfähigkeiten stärken.

Bildschirmzeit: Empfehlungen für Kinder und Jugendliche

Die Auswirkungen zu langer Bildschirmzeiten auf die Gesundheit von Kindern sind besorgniserregend. Doch wie viel ist «zu viel»?

Zunächst ist es wichtig zu betonen, dass nicht alle Kinder gleich auf «Screen Time» reagieren. Da Kinder ihr Verhalten noch nicht selbst regulieren können, ist es wichtig, dass Erwachsene für sie Grenzen setzen. Gleichzeitig sollten Kinder mit zunehmendem Alter lernen, ihre Bildschirmzeit selbst einzuschätzen und zu regulieren.

Die 3-6-9-12-Regel greift diesen Aspekt auf. Diese Regel des Psychoanalytikers Serge Tisseron setzt auf einen kontinuierlichen Lernprozess im Umgang mit digitalen Medien, ohne konkrete zeitliche Vorgaben zu machen. Für alle Altersstufen gilt, dass die Bildschirmzeit begrenzt werden sollte, dass Eltern mit ihren Kindern über das Erlebte sprechen sollten und dass eigene Kreationen der Kinder gefördert werden sollten.

Kinder unter 3 Jahren: Kleinkinder sollten zunächst die reale Welt mit allen Sinnen erfahren und in dieser Zeit möglichst nicht mit digitalen Geräten interagieren. Die schnellen Wechsel, aufregenden Bildeffekte und Geräusche können die Kleinen schnell überreizen, egal ob diese Inhalte auf einem Handy, Tablet oder Fernseher dargestellt werden. Digitale Geräte sollten maximal in Begleitung genutzt werden und nicht von Kleinkindern allein in der Hand gehalten werden.

3 bis 6 Jahre: In diesem Alter wählen die Eltern geeignete Inhalte aus und begrenzen weiterhin die Bildschirmzeit. Medien sollten in dieser Altersgruppe gemeinsam genutzt und in der Familie besprochen werden. Insbesondere während der Essens- und Schlafenszeiten sind Bildschirme tabu und sollten nie zur Beruhigung des Kindes eingesetzt werden.

6 bis 9 Jahre: In diesem Alter sollten Bildschirme möglichst kreativ genutzt werden. Ausserdem sollten Kinder in diesem Alter das Internet kennen lernen und erfahren, welche Chancen und Risiken es birgt. Insbesondere das Thema Datenschutz sollte angesprochen werden. Die Bildschirmzeit bleibt reglementiert und auch eine örtliche Begrenzung ist sinnvoll - Bildschirme haben im Schlaf- und Kinderzimmer nichts zu suchen. Je älter die Kinder werden, desto mehr Verhandlungsspielraum sollte es geben.

9 bis 12 Jahre: In diesem Alter werden Vereinbarungen zunehmend gemeinsam mit den Kindern ausgehandelt. Die Kinder lernen, die Bedürfnisse und Erfahrungen beider Seiten zu berücksichtigen. Die Eltern entscheiden weiterhin, ob das Kind schon allein das Internet nutzen darf oder nicht und ob ein eigenes Handy in diesem Alter sinnvoll ist.

Ab 12 Jahren: Nach dem Ende der Primarschulzeit beginnen Kinder in der Regel, das Internet selbstständig zu nutzen. Mit dem ersten eigenen Smartphone ist diese Entwicklung kaum noch aufzuhalten. Dennoch ist es wichtig, gemeinsam Absprachen zu treffen und klare Grenzen wie feste Zeitfenster zu definieren. So sollten beispielsweise Bildschirme und WLAN nachts ausgeschaltet werden. Zudem ist es in diesem Alter wichtig, das Gespräch über Themen wie Fake News, Pornografie, Sexting, Cybermobbing und Grooming zu suchen.

Grenzen setzen – aber wie?

Auch wir Erwachsenen kennen die Faszination digitaler Medien. Oder hast du noch nie die nächste Folge deiner Lieblingsserie geschaut, wenn du eigentlich längst im Bett sein solltest? Das Setzen von Grenzen in Bezug auf die Bildschirmzeit kann daher schnell in Frust und Tränen enden. Damit der Wechsel von der digitalen zurück in die analoge Welt möglichst entspannt gelingt, helfen folgende Tipps:

  1. Vorbild sein
    Kinder orientieren sich am Verhalten der Erwachsenen. Lebe deinem Kind deshalb eine gesunde Balance zwischen analoger und digitaler Freizeitgestaltung vor. Wenn Eltern bewusst und massvoll mit der eigenen Bildschirmzeit umgehen und Hobbys abseits des Bildschirms nachgehen, inspirieren sie ihre Kinder, es ihnen gleich zu tun.
     
  2. Gemeinsame Bildschirmzeit
    Eine Möglichkeit, die Bildschirmzeit positiv zu gestalten, ist die gemeinsame Nutzung digitaler Medien. Unterhalte dich mit deinem Kind über die konsumierten Inhalte. Gleichzeitig bietet dies den Kindern die Möglichkeit, über ihre Erfahrungen und Gefühle im Zusammenhang mit digitalen Medien zu sprechen. Durch diese offene Kommunikation können mögliche Probleme frühzeitig erkannt werden.
     
  3. Qualität über Quantität
    Konzentriere dich auf die Qualität der Bildschirmzeit, nicht nur auf die Quantität. Wähle Inhalte aus, die altersgerecht und lehrreich sind. Aktive Beteiligung und Diskussionen über die Inhalte sind entscheidend.
     
  4. Bildschirmfreie Zeiten und Räume
    Richte zu Hause Bildschirmfreizeiten und -räume ein. So können sich die Kinder auf andere Aktivitäten konzentrieren und eine Pause vom Bildschirm einlegen. Am Tisch und im Schlafzimmer haben Tablets und Co. nichts zu suchen, damit die Ess- und Schlafgewohnheiten nicht beeinflusst werden. Die meisten Smartphones bieten die Möglichkeit, die Bildschirmzeiten in den Einstellungen einzusehen und einzugrenzen. Damit können ausgewählte Apps nach einer vorher bestimmten Zeit automatisch ausgeschaltet werden, was weitere Diskussionen unterbinden kann. Anleitungen zur Umsetzung finden sich im Internet unter dem Stichwort «Digital Wellbeing und Kindersicherung», zum Beispiel auf der Webseite nextpit.de.

Die Bildschirmzeit ist ein Thema, das in der Familie immer wieder für rote Köpfe sorgen kann. Dennoch ist es wichtig, sich diesem Thema nicht zu verschliessen. Durch eine gemeinsame Auseinandersetzung mit dem Thema digitale Medien und Bildschirmzeit ermöglichen Eltern ihren Kindern, die Vorteile der Technik zu nutzen, ohne dass sich dies negativ auf ihre Gesundheit und Entwicklung auswirkt.

Weiterführende Infos für Eltern

 

 

Referenzen
Groelly, L. (2023, 12. Juli). Neue 3-6-9-12-Empfehlung für Bildschirmzeit. Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi. https://www.fritzundfraenzi.ch/medien/die-neue-3-6-9-12-empfehlung-von-serge-tisseron/?gad_source=1&gclid=Cj0KCQiAjMKqBhCgARIsAPDgWlwyxzp7vvMiU4DRVn4DCYw0sEIZpAE3FTXw2vUfbqx7QHTvenF4I38aAjlhEALw_wcB
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Marciano, L., Camerini, A.-L., & Morese, R. (2021). The developing brain in the digital era: A Scoping review of structural and functional correlates of screen time in adolescence. Frontiers of Psychology, 12, 671817. https://www.frontiersin.org/articles/10.3389/fpsyg.2021.671817/full
Pro Juventute. (o. D.). Bildschirmzeit: Empfehlungen für Kinder und Jugendliche. https://www.projuventute.ch/de/eltern/medien-internet/bildschirmzeit
Pro Juventute. (o. D.). Wie digitale Medien aufs kindliche Gehirn wirken. https://www.projuventute.ch/de/eltern/medien-internet/digitale-medien-hirnentwicklung
SCHAU HIN! (o. D.). WHO empfiehlt wenig Bildschirmzeit für Kleinkinder. https://www.schau-hin.info/news/who-empfiehlt-wenig-bildschirmzeit-fuer-kleinkinder#:~:text=Angemessene%20Bildschirmzeit&text=Dies%20begr%C3%BCndet%20die%20WHO%20damit,nicht%20%C3%BCberschreiten%2C%20weniger%20sei%20besser.
SCHAU HIN! (o. D.). Medienzeiten: Feste Bildschirmzeiten für Kinder vereinbaren. https://www.schau-hin.info/grundlagen/medienzeiten-feste-bildschirmzeiten-fuer-kinder-vereinbaren
Suter, L., Bernath, J., Willemse, I., Külling, C., Waller, G., Skirgaila, P., & Süss, D. (2023). MIKE – Medien, Interaktion, Kinder, Eltern: Ergebnisbericht zur MIKE-Studie 2021. Zürich: Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften.
Takahashi, I., Obara, T., Ishikuro, M., Murakami, K., Ueno, F., Noda, A., Onuma, T., Shinoda, G., Nishimura, T., Tsuchiya, K. J., & Kuriyama, S. (2023). Screen time at age 1 year and communication and problem-solving developmental delay at 2 and 4 years. JAMA Pediatrics, 177(10), 1039. https://doi.org/10.1001/jamapediatrics.2023.3057

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