Mensch ärgere dich: Gut für unser Wohlbefinden?

Mensch ärgere dich

Was bringt dich so richtig auf die Palme? Was ärgert dich oder macht dich gar wütend? Ungerechtigkeit? Ein gebrochenes Versprechen? Oder genügt manchmal auch schon ein falsches Wort oder eine beleidigende Geste?
Erinnerst du dich an eine Situation, in der du das letzte Mal richtig wütend geworden bist? Weisst du weshalb es geschehen ist? Wie bist du mit dieser Emotion umgegangen?

Alle von uns kennen das Gefühl der Wut. Sie kommt häufig ohne grosse Vorwarnung und lässt uns Dinge sagen oder tun, die wir eigentlich gar nicht beabsichtigt haben. Wut wird in unserer Gesellschaft als negativ bewertet. Wir sollten am besten immer ruhig und gelassen sein. Dem eigenen Ärger Luft zu machen, wird nicht gern gesehen. Doch wütend zu sein und diese Emotionen offen zu zeigen, kann durchaus seine Vorteile haben. Welche das sind und wie du deinen Ärger für Positives nutzen kannst, erfährst du in diesem Beitrag.

Woher kommt die Wut?

Die Wut wird zu unseren Basisemotionen gezählt. Das heisst, dass wir sie nicht nur alle fühlen können, sondern dass sie auch kultur- und generationsübergreifend erkannt und verstanden wird. Steigt Wut in uns auf, dann reagiert unser Körper mit einigen typischen Signalen. Im Gehirn werden Stresshormone ausgeschüttet, welche dazu führen, dass der Blutdruck und der Puls steigen. Unsere Atmung wird schneller und unsere Muskeln spannen sich an. Unsere Mimik verändert sich unverkennbar. Die Botschaft, die wir in diesem Zustand aussenden, ist unmissverständlich: Eine Grenze wurde überschritten und wir sind bereit uns zu wehren.

Warum soll ich diese Gefühle offen zeigen?

Wut fühlt sich unangenehm an. Dazu kommt, dass sie einen schlechten Ruf in unserer Gesellschaft hat. Man möchte von seinen Mitmenschen ja nicht als impulsiv und ungehobelt wahrgenommen werden. Philosophen in der Antike sahen die Wut gar als Charakterschwäche an. Allerdings spricht einiges dafür, dass wir auch dem Ärger und der Wut einen Platz in unserem Leben geben. So wie alle anderen Emotionen, gehören auch sie zu unserem Menschsein dazu.

Wut als auch Ärger liefern uns Informationen. Die Wut signalisiert dir, dass von jemandem oder vielleicht auch von dir selbst eine Grenze überschritten wurde. Die Emotion kann also genutzt werden, um uns selbst besser kennenzulernen. Wieso werde ich wütend? Was ärgert mich? Wer oder was löst das Gefühl bei mir aus? Ist mir eine Sache vielleicht wichtiger als gedacht? Um Informationen aus den eigenen Gefühlen zu gewinnen, ist es wichtig, dass du sie bewusst wahrnimmst und über sie nachdenkst. Du kannst deine Wut positiv nutzen indem du dich ihr stellst. Sie kann dich zur Selbstreflexion motivieren, deine Glaubwürdigkeit in Gesprächen unterstreichen, helfen Grenzen zu setzen, eindeutig Ja oder Nein zu sagen und gegebenenfalls zu Veränderungen der Umstände führen. Wenn du deine Wut in dich hineinfrisst, deinen Ärger einfach runterschluckst, kann das nicht nur negative Auswirkungen auf deine Gesundheit haben, sondern auch dazu führen, dass deine Mitmenschen keine Informationen zu deinem Befinden erhalten. Wie können sie wahrnehmen, dass dich etwas verletzt, wütend macht oder richtig ärgert, wenn du ihnen deine Emotionen vorenthältst?

Ein weiterer Grund weshalb du deinen Ärger und deine Wut nicht stets unterdrücken solltest, sind die allgemein negativen Auswirkungen der Emotionsunterdrückung. Diese Effekte zeigen sich nicht nur beim Unterdrücken von Wut oder Ärger, sondern bei allen Gefühlen. Das Unterdrücken eines Gefühlsausdrucks lässt die Emotion nicht verschwinden. Gegen aussen wirkst du möglicherweise neutral, aber in dir drin bleibt das Erleben des Gefühls bestehen. Der aktive Unterdrückungsprozess ist sehr anstrengend und kostet dich viel Energie. Zudem geht eine Unterdrückung mit Stress einher und kann eine Menge Erkrankungen (z.B. Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Depression, Angstzustände, Diabetes, usw.) begünstigen.

 

«Man muss eine Wut so umsetzen, dass sie Veränderung bewirkt.»
- Anni Lanz -

 

Wie gelingt mir ein guter Umgang mit Ärger und Wut?

Damit du und vor allem auch deine Mitmenschen besser verstehen, weshalb du Wut empfindest, ist es wichtig, dass du ihnen die Emotion richtig vermitteln kannst. Es wird nicht viel bringen, wenn du sie anschreist und zusammenhangslose Dinge um dich wirfst oder gar handgreiflich wirst. Einigermassen ruhig zu bleiben, wenn man innerlich kocht, ist schwierig. Versuche deshalb, wenn Ärger oder Wut in dir aufsteigt, als erstes tief durchzuatmen. Vielleicht hilft es dir, die Situation kurz zu verlassen, um etwas Abstand zu gewinnen. Geh beispielsweise an die frische Luft oder powere dich bei einer kurzen Sporteinheit aus. Lass den Dampf ab und ärgere dich. Teile deinem Gegenüber mit wieso du dies tust. Sag deutlich wieso du wütend bist. Unterdrücke die Emotion nicht – akzeptiere sie und sprich darüber. Es ist völlig in Ordnung, wenn andere Personen spüren, dass du gerade wütend bist. Deine Mimik hilft dir deine klaren Worte zu unterstreichen.
Wenn nicht du wütend bist, sondern eine andere Person wütend auf dich zukommt, lass dich nicht von der Emotion anstecken. Nimm die Emotion wahr und nimm sie vor allem ernst. Finde heraus wo das Problem liegt. Was löst die Wut aus?

Finde deinen Weg mit Emotionen umzugehen. Was hilft dir? Ist es Bewegung? Ist es die Natur? Egal ob Freude oder Ärger – sprich darüber. Ärgere dich. Teile deine Gefühle und nutze deine Emotionen, um klar zu machen was in dir vorgeht und was du möchtest beziehungsweise nicht möchtest. Deine Mitmenschen dürfen spüren und erfahren was und wieso du so fühlst – auch wenn es um Ärger oder Wut geht.

 

 

 

 

Referenzen
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