Die Reise zu mir selbst

Reise zu mir

Wer bin ich? Was will ich? Was möchte ich erreichen? Existentielle Fragen, die wir uns je nach Lebenssituation mal weniger und mal öfters stellen. Das eigene «Ich» – das «Selbst» wie es in der Sozialpsychologie genannt wird – begegnet uns tagtäglich und trotzdem wissen wir nicht immer haargenau, was uns ausmacht und was wir wirklich wollen. In diesem Beitrag möchten wir den Fokus ganz auf dieses persönliche Selbst richten. Du stehst im Mittelpunkt. Wie gut kennst du dich? Glaubst du, alles über dich zu wissen? Eines können wir dir bereits verraten: Die Reise zum eigenen «Ich» ist kein kurzer Trip. Du wirst dich in deinem Leben immer wieder neu kennenlernen und dazulernen. Niemand wird dir diese Fragen einfach so beantworten können, du brauchst Zeit und Geduld dich auf diesen Prozess einzulassen.

Was ist das Selbst?

Bestimmt kannst du die Frage «Wer bist du?» nicht in einem einzigen Satz vollständig beantworten. Sehr wahrscheinlich sagst du sogar, dass es auf die Situation ankommt. Je nachdem in welchem sozialen Kontext wir uns gerade befinden, in welcher Stimmung wir sind oder zu welchem Zeitpunkt nach unserem Selbst gefragt wird, wird das Selbst unterschiedliche Aspekte besitzen. Du verhältst dich bei deiner Familie anders als bei deinen Freunden oder bei der Arbeit. Unser Selbst setzt sich demnach aus verschiedenen Merkmalen zusammen, die wir nicht immer alle gleichzeitig zeigen. In der Literatur wird zwischen zwei zentralen Aspekten des Selbst unterschieden: dem «Ich» und dem «Mich». Beim «Ich» handelt es sich um das Selbst als Subjekt. Dieser Aspekt stellt den aktiven Teil – eine Art Kraft – dar, die wir besitzen, um unsere Lebensumstände und Funktionsfähigkeiten zu formen. Der zweite Aspekt des Selbst ist das Selbst als Objekt («mich»). Dabei handelt es sich um Gefühle und Überzeugungen über uns selbst. Meistens sind dies jene Dinge, die du auflistest, wenn dich jemand darum bittet, dich selbst zu beschreiben. Das Selbst setzt sich also aus einer Wissens- und einer Gefühlsstruktur zusammen. Diese Strukturen beinhalten Werte, Überzeugungen, Emotionen, Erwartungen und Ziele. Das Selbst ist dynamisch und kann sich immer weiterentwickeln. Natürlich weisen wir eine gewisse Stabilität auf, unser Selbst ist jedoch nicht in Stein gemeisselt. Zudem lassen sich die beiden Aspekte (ich und mich) nicht voneinander trennen.
Das Selbst ist nicht etwas, das sich nur innerhalb von dir entwickelt, sondern es wird stark von aussen durch deinen sozialen Kontext beeinflusst. Durch Interaktionen mit anderen Personen entwickeln wir ein Gefühl dafür, wer wir sind. Du nutzt dafür die Antworten und/oder Reaktionen der anderen, du eignest dir Werte und Einstellungen an und gibst deinen Erfahrungen Bedeutungen. Dieser aktive soziale Konstruktionsprozess ist uns häufig gar nicht bewusst. Du wählst aus, mit wem du interagierst, welchen Gruppen du angehören möchtest, welche Verhaltensweisen du zeigst, welches äusserliche Erscheinungsbild (z.B. durch Kleidung) du gegen aussen tragen möchtest und was du in den sozialen Medien postest. Wir alle haben Ziele, wie wir sein wollen und wie uns andere wahrnehmen sollen. Was sind deine Motive? Wie möchtest du wahrgenommen werden? Ehrgeizig? Kreativ? Grosszügig? Was auch immer dein Ziel (dein Motiv) ist, wird dich beeinflussen. Du richtest dein Verhalten danach aus und kennst vielleicht das unangenehme Gefühl, wenn du dich entgegen deiner Motive verhältst. Nicht immer sind uns unsere Motive bewusst, was gewisse Schwierigkeiten mit sich bringt.

Natürlich können wir nicht einfach einen Wunsch äussern, wie wir gerne sein möchten und dieser geht dann ohne weiteres in Erfüllung. Die Konstruktion unserer Identität wird durch biologische Merkmale wie dem Temperament beeinflusst. Ebenfalls beschränken uns soziale Erfahrungen (z.B. Bindung, Kultur) sowie Fertigkeiten und Fähigkeiten. Trotz diesen Einschränkungen ist es uns möglich, dem Selbst, welches wir gerne wären, sehr nahe zu kommen. Dabei ist eine Frage äusserts zentral: Wer möchtest DU wirklich sein?

Selbsterkenntnis: Wie lerne ich mich besser kennen?

Eigentlich müsste ich mich selbst doch am besten kennen? Warum muss ich mich überhaupt kennenlernen? Augen zu und zuhören. Was geht in dir vor? Weshalb magst du bestimmte Dinge und andere nicht? Sich selbst zu kennen, klingt total einfach – schliesslich haben wir ja alle Antworten in uns drin, man muss sie nur finden. Korrekt? Ganz so einfach ist das nicht. Immer wieder kommen wir in Situationen, in denen wir uns nicht mehr zu erkennen scheinen. Wir handeln, reagieren oder denken anders als im Voraus gedacht. Etwas doch nicht wollen oder gerne tun von dem wir ausgegangen sind, dass es das Richtige ist. Wir meinen zu wissen wer wir sind und was wir wollen, doch nicht immer bestätigt sich diese Annahme. Kommt dir bekannt vor?

Sehr häufig tun wir Dinge ohne uns zu fragen, weshalb wir sie auf diese Art und Weise tun. Vieles läuft unterbewusst ab. Damit du deinem Handeln, Denken und Fühlen etwas besser auf den Grund gehen kannst, ist es wichtig zu wissen, wie wir überhaupt das Wissen über uns selbst erlangen.

Introspektion

Die erste Möglichkeit, sich besser kennen zu lernen, ist, den Blick nach innen zu richten. Bei der Introspektion geht es darum, über seine inneren Zustände nachzudenken und diese zu analysieren. Dies hilft uns, unsere Gefühle und Gedanken bewusst wahrzunehmen. Wenn du deine Erlebnisse aus dem Leben niederschreibst, kann das ebenfalls zu einem besseren Verständnis von dir selbst führen (Journaling). Führe zum Beispiel Tagebuch und setze dich intensiver mit dir auseinander. Du kannst dir auch bestimmte Situationen (z.B. eine Präsentation vor einem Publikum) vorstellen und versuchen die Emotionen, die du dabei erleben würdest zu simulieren.
Meist möchten wir nicht nur unsere Gedanken und Gefühle besser wahrnehmen, sondern auch erfahren, wieso wir diese bestimmten Gedanken und Gefühle haben und spezifische Verhaltensweisen zeigen. Anhand der Introspektion Gründe zu eruieren, ist sehr schwierig. Fast immer muss unser Gehirn sehr viele Informationen auf einmal verarbeiten. Dies führt dazu, dass vieles automatisch und unterbewusst abläuft. Deshalb fällt es uns schwer aufgrund dieser Basis die wahren Gründe abzuleiten. Zudem neigen wir dazu, Gedanken und Erlebnisse, die wir nicht (wahr-)haben wollen, aus unserem Gedächtnis oder Bewusstsein rauszuhalten. Natürlich beeinflussen aber auch diese unser Leben.

Selbstwahrnehmung durch Verhaltensbeobachtung

Bei der Verhaltensbeobachtung beobachtest du dein eigenes Verhalten und gewinnst auf diese Weise Informationen über dich selbst. Achte einmal bewusst darauf, wie du dich in unterschiedlichen Situationen verhältst. Was stellst du fest? Gibt es vielleicht eine Tätigkeit, die du gerne ausführst obwohl du immer gedacht hast, dass du sie gar nicht magst? Wie fühlst du dich vor und nach einem Referat? Fällt dir danach eine riesen Last von den Schultern, obwohl du im Voraus das Gefühl hattest, es ganz locker zu nehmen? Möglicherweise warst du doch gestresster als gedacht. Wie bei der Introspektion kann es auch hier passieren, dass du gewisse Verhaltensweisen ignorierst und nicht wahrnehmen möchtest, was dann natürlich zu einer Verzerrung führt.

Soziale Quellen

Eine weitere Art, Wissen über sich selbst zu erlangen, sind die sozialen Quellen. Hierbei geht es beispielsweise darum zu beobachten, wie andere auf dich reagieren. Dies kann sowohl verbal als auch nonverbal sein. Zusätzlich wird unser Selbst aktiv dadurch geformt, dass wir Meinungen, Fähigkeiten und Merkmale mit denen anderer vergleichen. Mithilfe dieses sozialen Vergleichs können wir uns selbst besser einschätzen. Dies kann durchaus unterbewusst geschehen. Interaktionen mit anderen Personen liefern uns ebenfalls Informationen zu uns. Bedeutsame Personen aus deinem Umfeld beeinflussen massgeblich wer du bist. So stellen vergangene und neue Beziehungen mit wichtigen Personen eine zentrale Quelle für dein Selbst dar. Mit Hilfe von Feedback können wir sogenannte blinde Flecken beleuchten und mehr über uns selbst lernen. Studien haben gezeigt, dass uns das Feedback von anderen Personen eine neue Perspektive ermöglicht, mit Informationen, die für uns selbst nicht zugänglich sind. Das heisst aber nicht, dass du ab jetzt jede Rückmeldung vollkommen ernst nehmen solltest. Nicht jedes Feedback entspricht der Wahrheit. Vielmehr kann eine entsprechende Rückmeldung uns dazu motivieren, darüber nachzudenken und sich mit der neu gewonnenen Information auseinanderzusetzen. Vielleicht empfindest du die Info als irrelevant und sie wird irgendwo in deinem Gedächtnis abgespeichert, bis sie sich doch noch als nützlich erweist.

In unserem Alltag ist es nicht immer einfach, das eigene Verhalten zu beobachten. Bei Interaktionen mit anderen sind wir viel zu fest abgelenkt, um gleichzeitig auch noch nach innen zu lauschen und uns von aussen zu beobachten. Nicht alle unsere Gefühle, Gedanken und Intentionen sind so offensichtlich, dass sie uns direkt klar sind sobald wir uns ihnen zuwenden. Zudem sind gewisse Informationen einfach nicht verfügbar, weil sie in unserem Unterbewusstsein verborgen sind. Hier kommt die Achtsamkeit ins Spiel.

Achtsamkeit und Selbsterkenntnis

Die Achtsamkeit zeichnet sich dadurch aus, dass man seine Aufmerksamkeit auf aktuelle Erfahrungen / Situationen (Gefühle, Gedanken, Verhaltensweisen) richtet und diese bewusst wahrnimmt. Es handelt sich hierbei um reines Wahrnehmen und nicht um zusätzliche Ausarbeitung / Bearbeitung (beispielsweise deiner Gedanken). Die zweite Komponente der Achtsamkeit ist die nicht wertende Beobachtung. Dabei wird eine allgemeine Offenheit, Neugier und Akzeptanz der eigenen Erfahrung (momentanen Situation) verstanden. Währenddessen ist keine Erwartung oder ein Versuch, diese Erfahrung zu verändern, vorhanden. Die angewendete Aufmerksamkeit führt dazu, dass du eine grössere Menge an Informationen über deine Denk-, Verhaltens-, und Gefühlsmuster wahrnehmen und verarbeiten kannst. Das Beobachten ohne zu werten, verringert deine Abwehrhaltung gegen Informationen, die du nicht mit dir in Verbindung bringen möchtest. Das Erleben und Zulassen von negativen Emotionen wird dir auf diese Weise erleichtert und du kannst mit Hilfe der Achtsamkeit Emotionen besser einordnen und unterscheiden. Achtsamkeitsübungen können dir also helfen, dich besser kennenzulernen.

Was nützt es mir, mich gut zu kennen?

Wenn du weisst, wie du auf Situationen reagieren wirst (Gefühle, Verhaltensweisen), die in der Zukunft liegen, kannst du bessere Entscheidungen treffen. Du kannst Enttäuschungen über unvorhergesehene Ereignisse reduzieren, was insgesamt zu einer höheren Lebenszufriedenheit führt. Wenn du dich und deine Bedürfnisse besser kennst, kannst du besser darauf achten und dir Gutes tun.
Bestimmte Fragenbieten dir eine Möglichkeit, mit dir selbst ins Gespräch zu kommen. Wir haben dir ein paar aufgelistet.

Fragen an dich

  • Was sind meine Stärken? Worin liegen allenfalls meine Schwächen? Und sind dies wirklich Schwächen?
  • Welche Person aus meinem Umfeld ist mir am wichtigsten? Auf wen kann ich mich verlassen?
  • Worauf bin ich richtig stolz?
  • Worauf bin ich nicht so stolz?
  • Was sind meine Sorgen und/oder Ängste?
  • Wofür bin ich dankbar?
  • Was mache ich gerne / macht mir Spass?
  • Was möchte ich gerne Neues ausprobieren?
  • Wenn ich einen Wunsch frei hätte, wäre das …
  • Wo fühle ich mich sicher?
  • Wenn ich keine Angst hätte, würde ich …
  • Was mag ich an meiner Arbeit/ an meinem Studium? Was mag ich gar nicht?
  • Was sagt mir meine innere kritische Stimme?
  • Wie kümmere ich mich um mich selbst?
  • Was tut mir gut?
  • Bin ich lieber in Gesellschaft oder alleine?
  • Was ist mir wichtig im Leben? Was sind meine Werte? Woran glaube ich?
  • Was sind meine Ziele (kurz- und langfristig)?
  • Was ist meine schönste Erinnerung?
  • Wenn ich mich schlecht fühle, kümmere ich mich um mich selbst, indem ich …
  • Was stresst mich?

Vielleicht fallen dir noch weitere Fragen ein, die dich auf deiner Reise begleiten?

Zum Schluss

  • Veränderungen können unser Leben durcheinanderbringen. Das muss nicht zwingend negativ sein, doch je nach Veränderung (z.B. Jobverlust) kann eine deiner sozialen Rollen wegfallen und du erlebst eine Zeit, in der du nicht mehr recht weisst, wer du bist. Nach solchen Veränderungen brauchst du Zeit, dich wieder zu finden und allenfalls neu zu orientieren. Gib und nimm dir diese Zeit.
  • Vergiss dich nicht. Auch du hast Bedürfnisse, die befriedigt werden wollen. Wenn du die Bedürfnisse anderer Personen zu oft über deine eigenen stellst, können sie leicht vergessen gehen. Es ist wichtig, dass du immer wieder mal deinen eignen Bedürfnissen Aufmerksamkeit schenkst.
  • Steh sowohl zu deinen Stärken als auch zu deinen Schwächen. Überlege dir, ob deine Schwächen wirklich ausschliesslich Schwächen sind. Und ob das deine Meinung oder die Meinung von aussenstehenden Personen ist. Wir sind nicht perfekt und können gewisse Dinge besser und andere weniger gut und genau das macht uns einzigartig.
  • Unser Selbst ist nicht in Stein gemeisselt. Wir entwickeln uns ein ganzes Leben lang weiter. Sei offen und neugierig, beobachte deine Gefühle, Gedanken und Handlungen ohne sie zu werten. Sich selbst besser zu kennen, hat positive Auswirkungen auf dein Wohlbefinden.
  • Soziale Kontakte sind wichtig. Im Austausch mit anderen kannst du eine Menge über dich selbst erfahren. Nimm nicht jedes Feedback ohne nachzudenken an. Nicht alles, was du von anderen hörst, entspricht der Wahrheit. Wann hast du dich das letzte Mal mit deinen Liebsten getroffen?
  • Ferien eignen sich besonders gut, um wieder einmal mehr Zeit für sich zu haben. Sie bieten dir die Möglichkeit neue Dinge auszuprobieren, mit neuen Menschen in Kontakt zu treten und so mehr über dich selbst zu erfahren. Wie wär’s mit einer neuen Sportart? Was wolltest du schon lange Mal ausprobieren? Wohin möchtest du reisen? Mit wem möchtest du ins Gespräch kommen?

 

Wann hast du dir das letzte Mal Zeit genommen dich kennenzulernen? Wir wünschen dir eine gute Reise!

 

 

Referenzen
Bollich, K. L., Johannet, P. M., & Vazire, S. (2011). In search of our true selves: Feedback as a path to self-knowledge. Frontiers in psychology, 2(312), 1-6. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2011.00312
Carlson, E. N. (2013). Overcoming the barriers to self-knowledge: Mindfulness as a path to seeing yourself as you really are. Perspectives on Psychological Science, 8(2), 173-186. https://doi.org/10.1177/1745691612462584
Jonas, K., Stroebe, W., & Hewstone, M. (2014). Sozialpsychologie (6. Auflage). Springer.
Mindhelp. (o. D.). 22 Fragen um dich selbst besser kennenzulernen. Wuda GmbH. https://mindhelp.de/22-fragen-kennenzulernen/

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