Die Natur der Angst: Ein Gefühl das zum Leben gehört

Angst

Wann hattest du das letzte Mal Angst?
Was macht dir Angst?

Der Begriff «Angst» wird meist mit etwas Negativem in Verbindung gebracht. Ja, Angstgefühle sind unangenehm und niemand hat gerne Angst, ausser natürlich jene, die ab und an ein Gruselkabinett besuchen. Da ist der Reiz jedoch mehr der Nervenkitzel als das Gefühl der Angst an sich.

Was ist Angst genau? Gibt man bei Google den Begriff «Angst» ein, erscheint sogleich der Begriff «Angststörung». Angst wird also unmittelbar mit einer Störung, etwas, was nicht der Norm entspricht, in Verbindung gebracht. Ist das richtig? Dieser Frage gehen wir in diesem Beitrag nach und nehmen dich mit auf eine Reise rund um das Thema Angst.

Ein Grundgefühl des Menschen

Angst ist ein Gefühl und gehört zu unserem Leben dazu. In immer neuen Formen begleitet sie uns von der Geburt bis zum Tod. Es bleibt somit eine Illusion zu glauben, ein Leben ohne Angst leben zu können.

«Mutig ist nicht, wer vermeintlich furchtlos durchs Leben geht, sondern wer sich seinen Ängsten stellt, ihnen ins Gesicht blickt und fragt: Hallo Angst, was willst du eigentlich?»
− Antonia Wille −


Obwohl Angst unausweichlich zu unserem Leben gehört, bedeutet es nicht, dass wir uns ihrer dauernd bewusst wären. Wie alle Gefühle kann auch Angst in jedem Augenblick ins Bewusstsein treten, wenn innere oder äussere Einflüsse sie hervorlocken. Meist neigen wir dann dazu ihr auszuweichen, sie zu vermeiden. Wir entwickeln im Laufe unseres Lebens viele Techniken und Methoden, um Gefühle der Angst zu verdrängen, sie zu betäuben, zu überspielen oder zu leugnen. Aber wie vieles nicht aufhört zu existieren, wenn wir nicht daran denken, so auch nicht die Angst.

Angst ist individuell

Fragst du drei Personen in deinem Freundeskreis danach was ihnen Angst bereitet, so wirst du vermutlich drei unterschiedliche Antworten erhalten. Denn Angst ist ein subjektives Empfinden und kann von Person zu Person unterschiedlich sein. Es gibt jedoch bestimmte Situationen oder Umstände, die häufig mit Angstgefühlen verbunden sind, wie zum Beispiel das Sprechen vor Publikum, das Betreten von engen Räumen oder das Fliegen.
Unabhängig davon, welche Situationen oder Gedanken uns Angst bereiten, das Erlebnis Angst gehört zu unserem Dasein dazu. Jeder Mensch hat seine individuelle, persönliche Angst, die zu ihm und seinem Wesen gehört. Die Ursprünge der Angst hingegen sind bei uns allen dieselben und liegen in unserem evolutionären Erbe. Seit der Frühzeit der Menschheit ist Angst ein Überlebensmechanismus, der uns von potenziellen Gefahren schützt.

Betrachten wir Angst einmal «ohne Angst», bekommen wir den Eindruck, dass dieses Gefühl zwei Seiten hat: Einerseits kann Angst uns lähmen, andererseits kann sie uns aktiv machen. Angst ist immer ein Signal und bei Gefahr eine Warnung. Sie enthält stets einen Aufforderungscharakter, nämlich den Impuls, sie zu überwinden. Folglich bedeutet das Annehmen und das Meistern der Angst einen Entwicklungsschritt, der uns ein Stück reifen lässt. Seit unserer Kindheit ist jeder Entwicklungsschritt, jeder Reifungsschritt mit Angst verbunden, denn er führt uns zu etwas Neuem, das wir bisher nicht kannten oder konnten. Alles Unbekannte, alles Neue, Erstmals-zu-Erlebende, Erstmals-zu-Tuende enthält, neben der Lust nach Abenteuer, dem Reiz des Neuen und der Freude am Risiko, auch Angst. Da wir in unserem Leben immer wieder Neuem, Unbekanntem und Unvertrautem begegnen, begleitet uns Angst immerwährend. Bewusst wird sie uns am ehesten da, wo wir unsere Komfortzone verlassen müssen. Kennst du das?

Es gibt also völlig normale, entwicklungs- und altersgemässe Ängste, die wir Menschen durchstehen und deren Bewältigung für unsere Entwicklung wichtig sind. Ein Beispiel dafür sind die ersten selbstständigen Schritte eines Kindes, bei denen es erstmals die Hand des Vaters oder der Mutter loslassen und die Angst vor dem Alleingehen und vor dem alleingelassen werden im Raum überwinden muss.

Wann ist Angst nicht mehr «normal»?

Von einer Angststörung spricht man dann, wenn die Angstgefühle übermässig stark sind, unverhältnismässig lange anhalten und das tägliche Leben der betroffenen Person beeinträchtigen. Es handelt sich um eine psychische Erkrankung, die verschiedene Formen annehmen kann, darunter spezifische Phobien, generalisierte Angststörungen, Panikstörungen und soziale Angststörungen. Bei einer Angststörung sind die Angstgefühle chronisch und führen zu starkem Leiden, Vermeidungsverhalten und Einschränkungen im Alltag.

Es ist wichtig zu beachten, dass eine Angststörung nichts mit Schwäche oder Abnormität zu tun hat. Sie ist vielmehr eine anerkannte medizinische Erkrankung, die durch eine Kombination von genetischen, biologischen, psychologischen und Umweltfaktoren verursacht werden kann. Eine frühzeitige Diagnose und angemessene Behandlung können Menschen mit Angststörungen dabei helfen, ein erfülltes und funktionsfähiges Leben zu führen.

Es ist entscheidend, dass Menschen, die an einer Angststörung leiden, professionelle Unterstützung suchen, sei es in Form von Psychotherapie, Medikation oder einer Kombination beider Ansätze. Die Behandlung kann helfen, die Symptome zu lindern, Bewältigungsstrategien zu erlernen und das Leben trotz der Ängste in vollen Zügen zu genießen.

Angst ist also ein grundlegendes menschliches Gefühl, das in verschiedenen Ausprägungen vorkommt. Eine Angststörung hingegen ist eine ernsthafte Erkrankung, die professionelle Unterstützung erfordert. Leidest du unter anhaltenden Ängsten, dann lass dir helfen. In unserer Rubrik «Rat und Hilfe» findest du Anlaufstellen, die dir weiterhelfen können.

 

Referenzen:
LeDoux, J. (1998). The emotional brain: The mysterious underpinnings of emotional life. Simon & Schuster.
Nesse, R. M. (1999). Evolutionary explanations of emotions. Human Nature, 10(4), 261-289. Öhman, A., & Mine.
Rieman, F. (2017). Grundformen der Angst. Ernst Reinhardt GmbH & Co KG, Verlag, München.

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